Hör auf zu labern und zeig es lieber!

Was am wirksamsten überzeugt (Teil 2/3)
Kategorie: Schreiben Reden
| 13.02.2018 | 0 Kommentare

Sie können sich den Mund fusselig reden, und die Leute werden dennoch ungläubig den Kopf schütteln. Oder bestenfalls unentschlossen bleiben.

Da hilft nur noch eines: Zeigen Sie es! (was immer "es" ist). Denn schon Herodot wusste bzw. ließ es den König Kandaules sagen: :

"Denn die Ohren sind für die Menschen weniger glaubwürdig als die Augen."*

(Herodot: Historien 1,8,2, Übersetzung von mir)

Beispiele gefällig? Was meinen Sie, warum gibt es etliche Shopping-Kanäle im Fernsehen? Sie können gerne über dieses Format milde lächeln, aber ich glaube, Sie werden nicht mehr lächeln, wenn Sie sehen ("sehen" habe ich gesagt!), was für einen Umsatz diese Sender machen. Muss sich ja lohnen. Wenn ich das Schnitzel in der Bratpfanne brutzeln sehe, sieht das nun einmal leckerer aus, als wenn mir jemand die Bratpfanne mit seinen Worten anpreist. "Mit eigenen Augen gesehen" schlägt auch die beste Rede.

Noch ein Beispiel: In Gerichtsverhandlungen ist gerne vom "Corpus Delicti" die Rede. Es macht eben einen ganz anderen Eindruck auf die Geschworenen, wenn sie die Mordwaffe sehen als wenn sie nur davon hören. In Shakespeares "Julius Caesar" nutzt Marc Anton den Mantel des ermorderten Caesar, um die Menge aufzustacheln. Genüsslich beschreibt er, wo in diesem Mantel wessen Dolch reinfuhr.

Eine besondere Variante davon kommt im Film "Die zwölf Geschworenen" vor. Da versucht einer der Geschworenen, die anderen zu überzeugen, dass die Mordwaffe gar nicht so ein Unikat sei. Und dass man davon sogar mehrere in der Stadt kaufen könne. Die anderen bleiben skeptisch. Was macht unser Held?  Ta Zong!!! - auf einmal steckt neben der Tatwaffe ein weiteres Exemplar derselben Bauart im Tisch. Das überzeugt! (... zwar immer noch nicht alle, aber das ist eine andere Geschichte.)

Zurück zum Büroalltag: PowerPoint trat in den Neunziger Jahren meiner Einschätzung nach auch deshalb seinen Siegeszug an, weil die Leute was zu sehen bekamen. Dass viele mittlerweile PowerPoint nur noch als Textfriedhof nutzen, ist allerdings nicht im Sinne des Erfinders.

Was heißt das für Sie? Na ja, zunächst einmal, dass Sie PowerPoint mehr dazu nutzen, Bilder zu transportierten.

Und dass Sie auch im Schriftlichen darauf achten, mit Bildern, Fotos und Grafiken zu arbeiten. Sie können über die Zeitung mit den vier Buchstaben denken, was Sie wollen, aber nicht zuletzt der Bilder wegen hatte und hat sie riesigen Erfolg. Die FAZ hatte sich übrigens lange, lange gesträubt, auf ihrer Titelseite ein Foto abzubilden (Ausnahmen: Mauerfall und 11. September), macht dies aber seit 2007 und wird für die originelle Art viel gelobt.

In meinen Schreibseminaren empfehle ich daher Mitarbeitern der Kommunikationsabteilungen auf Bilder und Fotos mindestens ebenso viel Wert zu legen wie auf Text. Und dafür auch Geld locker zu machen, und zwar nicht wenig. Ich selbst beschränke mich nicht auf das Produzieren von Buchstaben, sondern arbeite eng mit einer Designerin und einem Zeichner zusammen. Und wenn ich die Leserinnen und Leser meiner Publikationen lächeln sehe, dann liegt das - Schluchz! - weniger an meinen Texten als vielmehr an den Zeichnungen.

In der Rhetorik ist der Einsatz von Bildern nur die erste Stufe des Zeigens. Noch mehr fürs Auge bieten Sie, wenn Sie etwas mitbringen und hochhalten oder sogar zum Angucken weitergeben.

Da fällt mir eine Geschichte ein: Eine Bewerberin wurde im Interview gefragt, was denn ihr Chef über sie sagen würde. Sie fing groß an zu erzählen, dass ... nee, eben nicht: Sie zückte einen edlen Federfüller und sagte: "Den hat mein Chef mir zum Abschied geschenkt".

Also, fragen Sie sich vor jeder Präsentation: Kann ich etwas fürs Auge präsentieren? Und dann tun Sie es! Darauf habe ich beim Coaching meiner Kinder in Sachen "Referate" immer geachtet. Bei einem Referat über das Brandenburger Tor brachte meiner Tochter ein Minimodell mit (kostete ein paar Euro, aber das war es uns wert). Die Jüngste brachte in ihrem Referat über Russland ein Wodka-Glas mit (ja, gefüllt, wenn Sie das wissen möchten, aber immerhin luftdicht verschlossen). Und mein Sohn brachte in seinem Referat übers Angeln - ja, natürlich - einen Fisch mit. Petri Heil!




*Mit dem Zitat Herodots hat es eine delikate Bewandnis: Der sardische König Kandaules will damit seinen Diener Gyges dazu bewegen, sich mit eigenen Augen von der Schönheit seiner, also des Kandyles, Frau zu überzeugen. Dazu hecken die beiden aus, dass Gyges die Frau des Kandaules in ihrem Nachtgemach beim und vor allem nach dem Auskleiden beobachten kann. Lief dann nur dumm für Kandaules. Denn dessen Frau hatte gemerkt, was passiert war, und stellte Gyges vor die Wahl: Entweder er bringe seinen Herrn um und heirate sie - oder er müsse selbst sterben, da er sie nackt gesehen habe. Gyges entscheidet sich für die erste Variante und bekommt den Königsthron samt Frau.


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