Quatschen Sie andere voll!

Gedanken besser formulieren (Teil 1)
Kategorie: Schreiben Reden
| 20.07.2017 | 0 Kommentare

Wir starten mit einer Frage an Heinrich von Kleist:

Was raten Sie mir, wenn ich ein wichtiges Thema habe, mir es aber schwerfällt, die richtigen Gedanken zu finden?

"Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem
nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen."

Heinrich von Kleist, die Quelle wird ausnahmsweise am Schluss des Artikels genannt.

Oh, ich bin also Ihr lieber sinnreicher Freund. Und duzen tun sie mich auch noch! Doch zurück zum Thema. Es ist aber doch gar nicht leicht, immer schnell jemanden zu finden, der sich gerade in meinem Thema auskennt.

"Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen."
 

Was? Und das klappt?

"Ich sehe Dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe Dir in früheren Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die Du bereits verstehst."
 

In der Tat! Doch warum soll ich hier umdenken?

"Der Franzose sagt: l’appétit vient en mangeant [der Appetit kommt beim Essen], und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt: l’idée vient en parlant.[die Idee kommt beim Sprechen]" (Übersetzung von mir)


Wie machen Sie das denn?

"Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten, und erforsche in einer verwickelten Streitsache den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein möchte."
 

Und dann?

"Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde."
 

Wieso denn?

"Nicht, als ob sie es mir im eigentlichen Sinne sagte; denn sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler oder Kästner [zwei Mathematiker] studiert."
 

Und Ihre Schwester sagt gar nichts?

"Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt."
 

Wie erklären Sie sich, dass das klappt?

"Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch – ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist."
 

Meine Güte, ich hoffe, Sie reden nicht so kompliziert mit Ihrer Schwester wie mit mir! Wie kann man sich das vorstellen? Reden Sie ganz normal vor sich hin? Oder wie überbrücken Sie Pausen, wenn Sie sich innerlich sortieren?

"Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche wol eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen."
 

Sie sind wirklich ein lustiger Vogel! Und Ihre Schwester? Die sagt und macht wirklich nichts?

"Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte."
 

Warum?

"Denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt."
 

Wie erklärten Sie sich den großen Erfolg Ihrer Methode?

"Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht."
 

Aha.

"Und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben. Ich glaube, daß mancher großer Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde."
 

Das glaube ich allerdings auch.

"Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen und der daraus resultirenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen."
 

Vielen Dank, Herr von Kleist!

Wer mehr von Kleist dazu wissen will: In seinem Essay "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" führt er das Thema noch weiter aus, u.a. mit zwei netten Beispielen.

Ich kann nur bestätigen: Mir hat diese Methode schon oft geholfen und meinen Seminarteilnehmern auch. Meiner Erfahrung nach ist sie besonders hilfreich beim Entwickeln von Ideen und Namen, aber auch beim Durchdenken von Problemen. Wie hilfreich ist schon nur die Anwesenheit eines Freundes oder Therapeuten! Zwingt sie uns doch oft zum ersten Mal, etwas laut auszuformulieren. Und dann tritt eben dieser Kleist-Effekt ein.



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